Die zweitägige Veranstaltung YpsiloniUM ist dem österreichischen Autor Peter Waterhouse gewidmet. Er wird am Samstag um 19 Uhr seinen aktuellen Roman „Z Ypsilon X“ (2025) sowie am Sonntag um 13 Uhr den noch unveröffentlichten Essay „Der Fünfzehnjährige und die SS“ vorstellen. Zuvor zeigen wir um 11 Uhr den Film „Tod einer Zeugin“, ihm ist eine längere Passage im Buch „Z Ypsilon X“ gewidmet – nach der Filmvorführung gibt es ein Gespräch zwischen Peter Waterhouse und dem Filmwissenschaftler Claus Löser.
31.10. 2026 um 19 Uhr
Roman „Z Ypsilon X“ – Lesung Peter Waterhouse und Gespräch
Schreiben als Krimi: Mehr als zehn Jahre lang arbeitet der Schriftsteller und Übersetzer Peter Waterhouse an einem Epos mit dem Titel „Z Ypsilon X“, das nachzuvollziehen versucht, wie der Großvater, ein passionierter Literaturliebhaber mit eigener Bibliothek, zum Propaganda-Redakteur des NS-Regimes werden konnte und welche Position die Großmutter dabei einnahm. Entstanden ist ein literarisches Jahrhundertwerk. Dreieinhalb Millionen Zeichen, 1600 Seiten – aber vor allem inhaltlich hochaktuell. Die drei Bände lassen sich durchaus an großen österreichischen Werken wie „Der Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil messen.
Niemand in der Familie wollte über den Großvater und überzeugten Nazi Edgar Alker reden. 1898 geboren, war er im Zivilberuf Journalist und ‚Hauptschriftleiter‘ der ursprünglich linken, erfolgreichen Zeitung ‚Das Kleine Blatt‘, die zunächst vom Austrofaschismus, dann von den Nazis für eigene Propagandazwecke mißbraucht wurde. Was für ein Widerspruch, der Sammler von Büchern der Autoren Karl Kraus, Peter Altenberg, Charles Dickens und anderen bekämpfte, zensierte, verbot sie offiziell. Edgar Alker fiel 1944 an der ukrainischen Front als Soldat der deutschen Wehrmacht.
„Der Roman spielt zwischen Böhmen, dem Hotel O in Zeleznicárka K, und Palästina, Graz, dem Semmering und Dickens‘ London, in Lebens- und in Bücher- wie in Traumwelten, in imaginären Archiven des Wissens und in Ruinen der Erinnerungen. Es treten auf: Georg Trakl, Ingeborg Bachmann, Karel Gott, Ludwig Wittgenstein und eine dermaßen vielköpfige Schar an Geistern, Verstorbenen und toten Flüsterern, dass Leo Tolstois ‚Krieg und Frieden‘ fast als Kleinfamilienporträt anmutet – begleitet von einer Fülle an typografischen Um- und Neu-Gestaltungen.“ (Alexander Kluy, Buchkultur)
„Als feinsinniger Freund der Literatur muss Edgar Alker gewusst haben, dass man sich selbst durch die Sprache verraten kann. Wieso also hat er sich an die Sprache des Nationalsozialismus verraten? Oder war es gar kein Verrat? War er wirklich so? So wie im Buchtitel ‚Z Ypsilon X‘ das Alphabet rückwärts läuft, macht sich Peter Waterhouse auf eine Rückwärtssuche. Er recherchiert die Spuren des Grossvaters und reflektiert dabei sein eigenes Sprachverständnis gleich mit. Den schwankenden Boden des Lesens und vermeintlichen Verstehens… Wer so mit der Sprache umgeht wie Peter Waterhouse, der weiss, dass jeder Beschreibungsversuch auch eine Überschreibung der Wirklichkeit ist. Die Eindeutigkeit bleibt ein Phantom, aber wäre sie zu erreichen, brauchte es vielleicht auch keine Bücher mehr wie dieses.“ (Paul Jandl, Neue Zürcher Zeitung)
1.11. 2026 um 11 Uhr
Film „Tod einer Zeugin“ – Filmvorführung und Gespräch zwischen Peter Waterhouse und Claus Löser (Filmwissenschaftler)
Mit seiner Großmutter Grete Alker hatte sich das Kind Peter oft Filme angeschaut, wie man aus dem Roman „Z Ypsilon X“ erfährt. Einst war sie Klavierbegleiterin für Stummfilme im Kino Troppau gewesen und hieß noch Markéta Lukasová. Troppau war eine kleine Stadt im nördlichen Mähren. Edgar Alker, die Hauptfigur des Romans, begegnete ihr im Kino das erste Mal und verliebte sich in sie. Einer der Filme, die nun Großmutter und Enkel gemeinsam schauen, ist der Krimi „Tod einer Zeugin“, Folge 16 der TV-Kultserie „Der Komissar“ (1969–1976). Die Drehbücher für die gesamte Serie schrieb Herbert Reinecker, ein ehemaliges Mitglied der Waffen-SS und einflussreicher NS-Propagandist. Bereits vor dem Krieg war er Hauptschriftleiter von Zeitschriften der Hitlerjugend und verfasste im Sinne der NSDAP-Ideologie Texte, die Jugendliche auf den Kriegseinsatz einschwören sollten, parallel schrieb er NS-Drehbücher und Theaterstücke. Regisseure für die TV-Serie gab es mehrere, bei Folge 16 führte der tschechische Regisseur Zbyněk Brynych Regie. Die Episode wurde 1970 im ZDF erstausgestrahlt. Sie gilt als eine der außergewöhnlichsten und am meisten polarisierenden Folgen der gesamten Serie, da Brynych sie mit einer exzentrischen, fast schon grotesken Bildsprache im Stil des Film Noir inszenierte. Brynych hatte sich zudem kaum an das Drehbuch gehalten.
1.11. 2026 um 13 Uhr
Essay „Der Fünfzehnjährige und die SS“ – Lesung Peter Waterhouse und Gespräch
Im 2006 erschienenen Buch ‚(Krieg und Welt)‘ von Peter Waterhouse ging es um seinen Vater, einem englichen Geheimdienstoffizier. Bereits in diesem außergewöhnlichen Buch versuchte der Autor, hinter Worten oder gar einem Schweigen zu ergründen, wie vermittels Sprache oder Nichtsprechen gesellschaftliche, politische Prozesse gesteuert werden. „Die Klammer um die beiden Wörter hat damals klargemacht, wie sehr beides zusammengehört. Weil der österreichische Schriftsteller ein feines Gehör selbst für die subtilsten Gefechte hat, ging es in dem 700-seitigen Werk nicht nur um den Krieg im militärischen Sinn, sondern auch um den Krieg in der Sprache.“ (Paul Jandl)
Ausgehend von beiden Büchern begann Peter Waterhouse in diesem Jahr an einem neuen Text zu schreiben, dem Essay „Der Fünfzehnjährige und die SS“. Er untersucht den autobiografischen Erlebnisbericht „Saat in den Sturm“ des ehemaligen SS-Mannes Herbert Brunnegger. Dieser erinnert seine damalige SS-Ausbildung als Fünfzehnjähriger 1938 im KZ Sachsenhausen. Erst 1965 begann Brunnegger, über diese Zeit zu schreiben, das Buch erschien 2000 im Stocker Verlag Graz, momentan wird es in der 8. Auflage verkauft. Es ist erschreckend unreflektiert verfasst, auch der Verlag besaß offenbar keine Einwände. So vermeidet Brunegger konsequent die Worte KZ Sachsenhausen und spricht verharmlosend nur von Oranienburg, der Stadt, an deren Rand sich das Lager befand. Die Beobachtungen an einer Sprache, die politisch manipulativ eingesetzt wird, um Diktaturen zu festigen und Kriege vorzubereiten, verfeinern sich im Essay von Peter Waterhouse, der ein spannendes und aktuelles Lehrstück geworden ist. Empfehlenswert vor allem jungen Menschen, insbesonders Schülern und Lehrern.
Peter Waterhouse liest aus seinem noch unveröffentlichten Manuskript und beantwortet Fragen.
»Mit ›Z Ypsilon X‹ liegt ein Monolith der Gegenwartsliteratur vor, in dem Stille und Langsamkeit in ihrer politischen Dimension sichtbar werden.« (ORF Bestenliste November 2025)
»In ›Z Ypsilon X‹ finden sich Vielsprachigkeit und Vielstimmigkeit, Verwandlung, Spiel und Zartheit, Fährten, die entziffert werden wollen und Erzählungen von einer kaum zu fassenden Schönheit, schwebend, schimmernd, Perlmuttglanz.« (Angelika Klammer, Die Furche)
»›Z Ypsilon X‹ ist eine endlose – wahrlich unendliche Geschichte, ohne Anfang und Ende – mal Recherche, mal Erzählung, mal Gedicht […]. Kurz: Ein Epos!« (Erich Klein, Der Österreichische Rundfunk)

PETER WATERHOUSE, geboren 1956 in Berlin, wuchs als Sohn einer Österreicherin und eines britischen Offiziers in Niedersachsen auf. Er studierte Germanistik und Anglistik in Los Angeles und Wien, wo er 1984 über Paul Celan promovierte. Als Autor verfasst er Gedichte, Essays, Prosa und Theaterstücke und ist zudem Übersetzer aus dem Englischen und Italienischen. 2012 erhielt er den Großen Österreichischen Staatspreis für sein literarisches Werk. Peter Waterhouse lebt in Wien.
CLAUS LÖSER, geboren 1962 in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz), Abitur, diverse Tätigkeiten, seit 1990 Programmgestalter für das BrotfabrikKino Berlin, seit 1992 freier Autor, 1995 Diplom an der Filmhochschule Potsdam-Babelsberg, 1996 Gründung des „ex.oriente.lux“-Filmarchivs und Herausgabe des Buches „Gegenbilder“. Promotion über unabhängige Künstlerfilme in der DDR (als Buch: „Strategien der Verweigerung“). Arbeitet als Filmkritiker, Filmemacher, Musiker, Autor und Kurator; daneben Arbeit in Gremien, Jurys und Fachverbänden. Claus Löser lebt und arbeitet in Berlin.

B U C H P R E M I E R E
„Tabakpech“ erzählt eine große Familiengeschichte im unteren Odertal, wo die Grenzen von Preußen und Pommern, von Hochdeutsch und Platt verwischen. Einst war die Region ein Zentrum des deutschen Tabakanbaus, Hugenotten hatten diese Kultur mitgebracht. Der Tabak gab der Region Wohlstand, er wurde zum „Gold der Uckermark“. Doch nicht jedem schenkte er auch Glück. Tabakpech, der Saft, der beim Ernten aus der Pflanze tritt, klebte schwarz an den Händen der Bauern. Auch an Elfie, der Hauptfigur, blieb er kleben und verhinderte ihren Traum, in Berlin zur Sängerin ausgebildet zu werden. Der Roman erzählt von einem Frauenleben und einer Familiengeschichte von 1930 bis 1995. Mit der Hauptfigur Elfie erlebt man beim Lesen die Zeiten des Umbruchs durch den Zweiten Weltkrieg, liest von der LPG-Wirtschaft in der DDR, vom Mauerfall und dem schließlichen Niedergang des Tabakanbaus in der Region. 